Ylva Carlgren : Angle of Incidence

15 Oktober - 21 November 2026
Übersicht

Mit Angle of Incidence präsentiert Galerie Leu die zweite Einzelausstellung der schwedischen Künstlerin Ylva Carlgren in München. Nach Light Implies Shadows im Jahr 2023 führt die Ausstellung Carlgrens konsequente Auseinandersetzung mit Licht, Wahrnehmung und den materiellen Möglichkeiten der Aquarellmalerei fort und markiert zugleich eine Weiterentwicklung ihrer unverwechselbaren Bildsprache.

Wer dem Werk von Ylva Carlgren zum ersten Mal begegnet, mag versucht sein, sich an jeden noch so vagen Hinweis auf einen Gegenstand zu klammern, den man in den Gemälden von Angle of Incidence wiederzuerkennen glaubt. (Ist das dort der schwache Umriss eines Fensters? Sind das Leuchtstoffröhren, die ich sehe?) Doch statt subtiler Andeutungen, die die Künstlerin bewusst hinterlassen hätte, lassen sich diese Anklänge von Vertrautheit besser als Gebilde der eigenen Vorstellungskraft verstehen – als eine Art Rettungsweste, die der Geist hervorbringt, um Halt zu geben, während man sich in die Tiefen innerhalb des Bildrahmens vorwagt.

Die Lichtprismen, die uns entgegentreten, verleihen zwar unbestreitbar einem Raum Gestalt, der erkundet werden will, doch ist dieser Raum gänzlich frei von Gegenständlichkeit. Und dennoch erscheint er, beinahe wie durch Zauberei, von Textur und Tiefe durchdrungen. Dieser Schwellenraum wird all jenen unmittelbar vertraut sein, die Carlgrens künstlerische Praxis bereits kennen. Doch durch gezielte Veränderungen und wohlüberlegte Neuerungen innerhalb des inneren Gefüges ihrer eigenen Bildsprache ist es ihr gelungen, ein Gefühl von Bewegung einzuführen, das zuvor nicht vorhanden war.

Obwohl vollkommen statisch, pulsieren diese Bilder mit einer Energie, die angesichts des von der Künstlerin gewählten Mediums eigentlich unmöglich sein dürfte. Die rasch aufeinanderfolgenden parallelen Linien verleihen einer Ebene Struktur, die unbestimmt zu schweben scheint – zugleich jenseits und hinter der physischen Oberfläche, die sie trägt. Gerade die Unmöglichkeit dieses Schwebezustands erzeugt ein Gefühl, das sich kaum anders als eine kinetische Unruhe beschreiben lässt. Es entsteht der Eindruck einer Vibration, die die ruhigere, meditativere Atmosphäre durchbricht, die man mit Carlgrens früheren Arbeiten verbindet.

Doch diese Aktivität, die vom Auge wahrgenommen und mit dem Körper empfunden wird, kann sich nirgendwo anders vollziehen als im Licht, das von einem transluzenten Material reflektiert wird, welches in mühevoller Arbeit auf die reglose Oberfläche des Papiers aufgetragen wurde. Es ist, als würden die gewissenhaften und präzisen Bewegungen der Hand der Künstlerin durch den zeitintensiven Prozess des Schichtens, der das Bild zum Leben erweckt hat, unmittelbar in den Bildraum übertragen. In einem Zeitalter schnelllebiger Bilder und des „Contents“ sind Ylva Carlgrens Gemälde eine willkommene Erinnerung an die unausweichlichen Geheimnisse menschlichen Schaffensdrangs und menschlicher Kreativität.

 

(Nicholas Lawrence)