Günther Förg | Karel Appel: Grid and Gesture

10 September - 8 Oktober 2026
Übersicht
Eröffnung: 10. September 18-20 Uhr

 

Zwei scheinbar gegensätzliche Formensprachen teilen sich diesen Raum: das Raster und die Geste.

Günther Förgs seit 1992 entstehende Gitterbilder greifen mit dem Raster eine der prägenden Formen der modernen Abstraktion auf - ein Erbe von Konstruktivismus, De Stijl und Bauhaus - und unterwerfen es einer lockeren, zeichnerischen, widerspenstigen Handschrift. Die Linien sind nicht gezogen, um eine perfekte Ordnung herzustellen. Sie driften ab, überlagern sich, kehren in sich selbst zurück. Die Farbe wird sichtbar unmittelbar aufgetragen. Die aufgelöste, fast kalligrafische Linienführung lässt dabei an Cy Twomblys gestische Malerei denken - ein Hinweis darauf, wie nah sich Raster und Geste bei Förg von Anfang an stehen. Das Raster organisiert den Bildraum und bringt ihn zugleich aus dem Gleichgewicht.

 

Karel Appels Out of Nature-Zyklus, 1995 und 1996 in New York entstanden, geht scheinbar vom entgegengesetzten Pol aus: vom instinktiven, unmittelbaren Strich, von der physischen Energie der Malerei, die Appel bereits seit den frühen Jahren der CoBrA-Bewegung beschäftigte. Der Ort ist dabei nicht zufällig. In New York begegnete Appel in den 1950er Jahren Künstlern wie Jackson Pollock, Willem de Kooning und Franz Kline und jener amerikanischen Malerei, die die gestische Abstraktion auf eigene Weise radikalisierte. Vierzig Jahre später knüpft er dort an eine Energie an, die ebenso der eigenen Vergangenheit gilt wie einem erneuten Bedürfnis nach unmittelbarem Ausdruck.

 

Wo Förg eine geometrische Ordnung aufgreift und von innen her destabilisiert, setzt Appel bei der freien Geste an. Doch auch diese Geste bleibt nicht formlos. Aus den Farbschichten entstehen Verdichtungen, Wiederholungen und Linienzüge, die sich zu einer eigenen, organischen Ordnung zusammenschließen.

 

Obwohl die beiden Serien an gegenüberliegenden Wänden hängen, laufen sie auf eine gemeinsame Frage zu, der sie sich aus entgegengesetzten Richtungen nähern: Was geschieht mit der Ordnung unter einer unsteten Hand - und was geschieht mit dem Instinkt, wenn er sich wiederholt und zur Struktur wird?

 

Diese Gegenüberstellung berührt einen grundlegenden Konflikt der Nachkriegsmoderne. Appels Generation hatte sich gegen die rationalisierte, geometrische Abstraktion gewandt, die mit Namen wie Mondrian, De Stijl und der konstruktivistischen Tradition verbunden war, und in der gestischen Malerei ein wesentliches Gegenmodell gefunden. Förg begegnet dieser europäischen wie amerikanischen Geschichte rund vier Jahrzehnte später aus einer anderen historischen Situation heraus. Für ihn ist das Raster nicht mehr allein ein Gegenmodell zur gestischen Malerei, sondern bereits ein historisch aufgeladenes Bildzeichen: eine Form, die zitiert, untersucht und verändert werden kann.

 

Dass Förg diese Geschichte genau kennt, zeigt auch sein fotografisches Werk, in dem er sich über Jahre hinweg mit Bauwerken der klassischen Moderne auseinandergesetzt hat. Das Raster ist bei ihm nie unschuldig - es trägt die Erinnerung an seine architektonischen und ideologischen Ursprünge stets mit sich.

 

Auf Förgs Leinwänden bricht die Regel bereits in dem Moment auf, in dem sie gezeichnet wird. Das zeigt sich besonders deutlich an einem der 1996 entstandenen Gitterbilder mit tiefblauem Grund: Rote und blaue Gitterstrukturen legen sich über die Fläche, während zwei breite, hastig gesetzte weiße Pinselzüge sie vertikal durchschneiden. Die weißen Bahnen folgen keiner vorgegebenen Ordnung; sie unterbrechen das Raster und drohen, seine fragile Konstruktion zu überwältigen. Die Geste lockert die Regel hier nicht nur auf - für einen Augenblick scheint sie sie auszulöschen.

 

Appels Gemälde führen denselben Gedanken in umgekehrter Richtung aus. Während sich Förgs Raster unter der Geste zu lösen beginnt, tendiert Appels Geste zurück zur Struktur. In dem hier gezeigten, ebenfalls 1996 datierten Gemälde - wie die Serie überwiegend in Öl auf großformatiger Leinwand ausgeführt - tauchen Formen auf, die an Äste, Körper, Gesichter oder andere organische Gebilde erinnern können, ohne sich je eindeutig festzulegen. Sie entstehen aus der Farbe und verschwinden wieder in ihr. Dunkle, geschwungene Linien verzweigen sich über Rot, Blau, Weiß und erdige Farbtöne; die pastos aufgetragenen Schichten verleihen der Oberfläche beinahe reliefartigen Charakter. Das Bild scheint zwischen Gegenständlichkeit und Abstraktion zu oszillieren, ohne sich für eine der beiden Möglichkeiten zu entscheiden.

 

Der Titel Out of Nature lässt sich dabei weniger als Hinweis auf eine Landschaft denn als Hinweis auf einen Ursprung der malerischen Geste lesen. Natur erscheint bei Appel nicht als Motiv, das abgebildet wird, sondern als etwas, das sich in Bewegung, Rhythmus und Materialität der Malerei fortsetzt. Was zunächst wie spontaner Ausdruck erscheint, entwickelt durch Wiederholung und Verdichtung eine eigene Ordnung.

 

In dieser Hinsicht begegnen sich Förg und Appel gerade dort, wo sie am weitesten voneinander entfernt scheinen. Förg treibt die Ordnung in Richtung Geste, ohne sie ganz aufzugeben; Appel treibt die Geste in Richtung Ordnung, ohne sie ganz zu binden. Das Raster ist bei Förg nicht starr, die Geste bei Appel nicht formlos - beide bleiben zugleich das, was sie ursprünglich waren. So entsteht bei beiden ein Bildraum, in dem Kontrolle und Instinkt, Konstruktion und Bewegung gleichzeitig wirksam bleiben, ohne dass sich eines gegen das andere durchsetzt.

 

Bemerkenswert ist, dass keine der beiden Serien am Anfang der jeweiligen künstlerischen Laufbahn steht. Appel war bereits über siebzig, als er sich in Out of Nature erneut einer Malerei von großer körperlicher und farblicher Unmittelbarkeit zuwandte - eine Wiederaufnahme ebenso wie eine Neuentdeckung. Förgs Gitterbilder entstehen ebenfalls nicht als programmatischer Beginn, sondern innerhalb eines bereits etablierten malerischen Œuvres. Die beiden hier hervorgehobenen Arbeiten sind beide auf 1996 datiert: die eine von einem deutschen, die andere von einem niederländischen Künstler, entstanden unter unterschiedlichen Bedingungen und auf unterschiedlichen Seiten des Atlantiks - und nun in unmittelbarer Nachbarschaft.

 

Grid and Gesture versucht nicht, die Distanz zwischen diesen beiden Positionen aufzuheben. Im Gegenteil: Die Distanz ist ihr Ausgangspunkt. Die Ausstellung versteht Förg und Appel nicht als Künstler einer gemeinsamen Schule oder als direkte Gegenpole, sondern als zwei eigenständige Positionen innerhalb einer fortdauernden Auseinandersetzung der Malerei mit Ordnung und Instinkt, Konstruktion und körperlicher Handlung.


Was bei dem einen als Regel beginnt, bewegt sich in Richtung Geste; was beim anderen als Geste beginnt, gewinnt eine eigene Ordnung. Ob beide sich je vollständig treffen, bleibt offen. Die Spannung zwischen ihnen bleibt bestehen.

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