Übersicht

Maria Miesenberger ist eine der renommiertesten Künstlerinnen Schwedens. Ihren Durchbruch hatte sie in den 1990er Jahren mit ihrer ikonischen Fotoserie Sverige/Schweden. Ihre suggestiven Schwarz-Weiß-Bilder mit ihren auffälligen schwarzen Silhouetten sind für immer in die schwedische Fotogeschichte eingeschrieben. Seitdem zeichnet sich Miesenbergers Werk durch große Materialvielfalt und technische Neugier aus. Ihre skulpturalen Materialien reichen von Textil, Aluminium, Bronze und Edelstahl bis hin zu keramischem Granit. Neben diesen Materialien experimentiert sie mit Glasformteilen, was zu fast holografischen Skulpturen führt. Durch die Verbindung von Figurativem und Abstraktem möchte Miesenberger die untrennbare Beziehung zwischen Körperlichem und Geistigem beleuchten.

Miesenbergers Bildsprache existiert auf vielen verschiedenen Ebenen. Es umspannt Gegensätze wie Gegenwart und Vergangenheit, Dunkel und Hell, Individuum und Kollektiv, Freude und Leid. Die Künstlerin ist nicht daran interessiert, ihre eigene Geschichte zu erzählen. Stattdessen wirft sie die Frage auf den Betrachter zurück und fragt, was ist deine Geschichte, was ist deine Geschichte, deine Erfahrung? Ihre Kunst ist von einer starken Ader der Neugier gepaart mit einer großen Portion Bescheidenheit durchdrungen. Ausgehend von dem Selbst und dem Individuum ist sie in der Lage, hochaktuelle und stets aktuelle Fragen darüber zu stellen, was es eigentlich bedeutet, Mensch zu sein.

 

Maria Miesenberger, geboren 1965 in Lund, lebt und arbeitet in Stockholm. Sie studierte an der Konstfack, Stockholm (1991–95) und an der Parsons School of Design, New York (1995–96). Zwischen 1995 und 2003 lebte und arbeitete sie in New York. Maria Miesenberger hatte etwa 50 Einzelausstellungen in Europa und den USA. Sie ist in der Sammlung von The Bonnier Group, Moderna Museet Stockholm, Malmö Konstmuseum und Norrköpings Konstmusum sowie der Henry Buhl Collection, USA, vertreten. Sie hat zahlreiche Auszeichnungen und Stipendien erhalten, darunter den Schwedischen Fotobuchpreis 2011 für das Buch Sverige/Schweden, den Stockholms City Honorary Award in Art 2015 und war zweimal Empfängerin des fünfjährigen Arbeitsstipendiums des Swedish Arts Grants Committee.

 

Half an Angel (2001), die 8 Meter hohe Skulptur am Hauptsitz von Telenor in Oslo, ist eines von Miesenbergers zahlreichen öffentlichen Werken, zu den weiteren gehören Moment in Motion an der U-Bahn-Station Enskedegård in Stockholm (2014), Change of Direction (2016), Restad Gård, Vänersborg und derzeit installiert bei Artipelag, Värmdö, Reflection on the Presence of Time (2016), Norrköping, Hoppet, Övre Vasastaden (2018), Linköping und Möjligheternas Portal (2018) – ein Denkmal für Ebba Ramseys Park in Jönköping. Miesenberger arbeitet derzeit an weitern  öffentlichen Aufträgen; 'Forced to a Change ' für Nya Tingstorget in Alby, Botkyrka und ein Denkmal für den Widerstand gegen das Nazi-Regime während des Zweiten Weltkriegs für Norrköping/Botrygg.

Werke
  • Breaking Lose /Giving in (torso)
    Maria Miesenberger
    Breaking Lose /Giving in (torso), 2013
  • Change of Direction
    Maria Miesenberger
    Change of Direction, 2024
  • Reflection on the Presence of Time #6
    Maria Miesenberger
    Reflection on the Presence of Time #6, 2013/2019
  • Reflection on the Presence of Time (Decay) #3
    Maria Miesenberger
    Reflection on the Presence of Time (Decay) #3, 2013/2023
  • Reflection on the Presence of Time (Decay) #6
    Maria Miesenberger
    Reflection on the Presence of Time (Decay) #6, 2013/2023
  • Reflection on the Presence of Time (Decay) #7
    Maria Miesenberger
    Reflection on the Presence of Time (Decay) #7, 2013/2023
  • Reflection on the Presence of Time (Decay) #9
    Maria Miesenberger
    Reflection on the Presence of Time (Decay) #9, 2013/2023
  • Unfold (Rising Up)
    Maria Miesenberger
    Unfold (Rising Up), 2020
  • Utan titel/Ohne Titel (Framtid/Zukunft), from the series Sverige/Schweden
    Maria Miesenberger
    Utan titel/Ohne Titel (Framtid/Zukunft), from the series Sverige/Schweden, 1992-2000/2009
  • Utan titel/Ohne Titel (Vila/Ruhe), from the series Sverige/Schweden
    Maria Miesenberger
    Utan titel/Ohne Titel (Vila/Ruhe), from the series Sverige/Schweden, 1992-2000/2009
Lebenslauf
Die Architektur der Erinnerung

 

Maria Miesenbergers Werk entfaltet sich in jenem instabilen Raum zwischen dem, was sichtbar ist, und dem, was jenseits des Sichtbaren fortwirkt. In Fotografie und Skulptur hat sie eine Bildsprache entwickelt, in der Körper und Objekte zugleich gegenwärtig und entzogen erscheinen: Figuren werden zu schwarzen Silhouetten, polierte Oberflächen nehmen ihre Umgebung in sich auf, vertraute Formen erstarren in Metall, Patina lässt Zeit als materielle Veränderung hervortreten. Was dabei entsteht, ist weniger eine Ikonografie der Erinnerung als eine Untersuchung ihrer Strukturen – der Art und Weise, wie Erfahrung in Bildern, Materialien, Körpern und über Generationen hinweg bewahrt, verdeckt, weitergegeben und verwandelt wird.

 

Miesenberger wurde 1965 in Lund, Schweden, geboren. Sie studierte Fotografie und Malerei an der Konstfack in Stockholm und anschließend Bildhauerei an der Parsons School of Design in New York. Von 1995 bis 2003 lebte und arbeitete sie in New York; heute lebt sie in Stockholm. Der Wechsel zwischen Fotografie und Skulptur, der ihr Werk prägt, bezeichnet dabei nicht lediglich einen Übergang zwischen Medien. Ihm liegt eine Frage zugrunde, die Miesenbergers gesamte Praxis durchzieht: Wie kann etwas Abwesendes körperliche Präsenz erlangen – und wie kann etwas materiell Gegenwärtiges zugleich grundsätzlich unzugänglich bleiben?

 

Diese Frage findet ihre prägende Form in Sverige/Schweden (1993–2000), Miesenbergers langjähriger Auseinandersetzung mit dem eigenen Familienarchiv. Das Ausgangsmaterial bilden vor allem Fotografien ihres Vaters Fritz Miesenberger, aufgenommen während ihrer Kindheit in Schweden und bei Aufenthalten in Österreich. Die Motive gehören zum vertrauten Repertoire der privaten Familienfotografie: spielende Kinder, sommerliche Landschaften, Picknicks, Spaziergänge, häusliche Szenen. Doch Miesenberger unterzieht diese scheinbar alltäglichen Bilder einer radikalen Transformation. In manuellen Eingriffen und analogen fotografischen Verfahren verdeckt sie einzelne Personen, bis diese als dichte schwarze Silhouetten oder helle, geisterhafte Gestalten erscheinen. Gesichter, Mimik, Kleidung und andere Zeichen individueller Identität verschwinden. Das Familienfoto bleibt als solches erkennbar, doch sein Versprechen von Unmittelbarkeit und Transparenz ist aufgehoben.

 

Was diesen Bildern entzogen wird, ist jedoch nicht allein persönliche Identität. Sverige/Schweden ist von einer Geschichte durchzogen, die der eigenen Erfahrung der Künstlerin vorausgeht. Fritz Miesenberger wuchs während und unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg in der Nähe von Linz auf – in einer historischen Landschaft, geprägt vom „Anschluss“, von alliierten Bombardierungen, den nahe gelegenen Konzentrationslagern Mauthausen und Gusen sowie der Präsenz sowjetischer Truppen nach Kriegsende. Später emigrierte er nach Schweden. Maria Miesenberger wuchs zwischen einem schwedischen Zuhause und jener österreichischen Landschaft auf, die zugleich die Landschaft der Kindheit ihres Vaters war – eine Konstellation, die Jan-Erik Lundström in seinem Essay zu Sverige/Schweden als „doppeltes Domizil oder doppeltes Exil“ und als eine Form „doppelter Heimatlosigkeit“ beschreibt.

 

Bereits der zweisprachige Titel Sverige/Schweden trägt diese geteilte Geografie in sich. Schweden und Österreich, die Kindheit der Künstlerin und die Kindheit des Vaters, persönliche Erinnerung und überlieferte Geschichte besetzen denselben fotografischen Raum. Die Bilder halten die scheinbare Geborgenheit einer Nachkriegskindheit fest und tragen zugleich eine andere Zeitlichkeit in sich – geprägt von Erfahrungen, die vor der Geburt der Künstlerin liegen.

 

Lundström schlägt vor, die Serie entlang einer Zeitachse zu lesen, die über Miesenbergers eigene Kindheit hinaus bis zu den vom Krieg geprägten Erfahrungen ihres Vaters reicht. Entscheidend ist die Offenheit dieser Lesart. Die Geschichte tritt nicht als explizites Sujet hervor; sie bleibt latent.

 

Gerade der Begriff der Latenz ist der Fotografie selbst eingeschrieben. Das latente fotografische Bild existiert, bevor es sichtbar wird: Es ist bereits vorhanden, muss jedoch erst entwickelt werden. In einem vergleichbaren Sinn lässt sich Miesenbergers Eingriff in die Fotografien ihres Vaters verstehen. Das bestehende Archiv wird erneut zum Material eines Entwicklungsprozesses – nicht um eine ursprüngliche Wahrheit freizulegen, sondern um andere, darin eingelagerte Geschichten hervortreten zu lassen. Lundström formuliert dies mit bemerkenswerter Präzision: Es sei, als hätte die Geschichte selbst bei der Wiederaufnahme dieser Szenen mitgewirkt – oder als würde sie noch immer mitwirken.

 

Aus dieser Perspektive gewinnen die schwarzen Silhouetten eine besondere Intensität. Sie sind weder eindeutige Symbole historischen Traumas noch bloße Gesten der Auslöschung. Vielmehr markieren sie den Punkt, an dem Sichtbarkeit an ihre Grenze stößt. Die Figuren bleiben als Körper nachdrücklich präsent und werden zugleich als Individuen unzugänglich. Sie behaupten ihren Ort im Bild, ohne die Geschichten preiszugeben, die dieser Ort in sich trägt.

 

Das Familienfoto, dem gewöhnlich die Aufgabe zukommt, Kontinuität zu bewahren, wird so zu einem Ort, an dem gerade diese Kontinuität ins Wanken gerät. Anwesenheit und Abwesenheit, Erinnern und Vergessen, Bewahren und Verlieren sind keine Gegensätze mehr, sondern voneinander abhängige Zustände. Die Vergangenheit besteht fort, gerade indem sie sich verändert.

 

Diese Logik setzt sich fort, als Miesenberger von der Fotografie in die Skulptur übergeht. Die Silhouette gewinnt Volumen; Abwesenheit erhält Gewicht. Ihre skulpturalen Figuren kauern, klettern, balancieren, greifen aus oder verharren in Augenblicken des Übergangs. Individuelle Merkmale bleiben zurückgenommen. Die Körper sind erkennbar und zugleich anonym, häufig angesiedelt zwischen Stabilität und Sturz, Schutz und Ausgesetztsein, Aufbruch und Ankunft.

 

In Duck & Cover (1999) ruft eine kauernde Figur jene gleichnamige Zivilschutzanweisung des Kalten Krieges auf, mit der Kindern vermittelt wurde, wie sie sich im Fall eines nuklearen Angriffs schützen sollten. Die Geste trägt ihren eigenen Widerspruch in sich: Der Versuch, Schutz zu finden, offenbart zugleich jene Verletzlichkeit, die Schutz überhaupt erst notwendig macht. In Leap of Faith (Getting Over) (2018) ist ein polierter Bronzekörper in einer unwahrscheinlichen Bewegung suspendiert. Materiell schwer, erscheint er beinahe schwerelos. Das Ergebnis der Bewegung bleibt offen; die Skulptur verortet den Körper nicht in einem Ziel, sondern in der Ungewissheit des Dazwischen.

 

Bewegung ist in Miesenbergers Werk daher selten nur physische Bewegung. Sie bezeichnet einen Zustand des Werdens – einen instabilen Übergang zwischen verschiedenen Zuständen.

 

Eine rätselhaftere Weiterführung dieser Fragen findet sich in der 2013 begonnenen Werkgruppe Reflection on the Presence of Time. An die Stelle der menschlichen Figur tritt hier ein anderer, eng mit Kindheit und Intimität verbundener Körper: der Teddybär. Gedreht, taumelnd, balancierend oder zu mehrdeutigen Konfigurationen verdichtet, nähert sich das vertraute Spielzeug der Abstraktion. Seine Konturen bleiben lesbar, doch seine entscheidende physische Eigenschaft ist verschwunden. Ein Objekt, das dafür geschaffen wurde, weich zu sein, gehalten und berührt und durch Nähe abgenutzt zu werden, wird in Metall übersetzt.

 

Diese Transformation ist grundlegend. Wie die Fotografien in Sverige/Schweden gehört auch der Teddybär zu einem materiellen Archiv der Kindheit. Er kann jene Lebensphase überdauern, für die er geschaffen wurde, und zum physischen Überrest einer Intimität werden, die nicht mehr in derselben Form existiert. Miesenberger überführt diesen zeitlichen Widerspruch in Skulptur: Weichheit wird zu Härte, Spiel zu Monument, Bewegung zu Stillstand.

In den hochpolierten Arbeiten aus Reflection on the Presence of Time führt die Oberfläche eine weitere Form von Zeitlichkeit ein. Die spiegelnden Häute nehmen Architektur, Licht, benachbarte Objekte und die Betrachtenden selbst in sich auf. Obwohl die Skulpturen physisch unverrückbar sind, zeigen sie niemals zweimal dasselbe Bild. Jede Begegnung überschreibt die vorherige. Die Spiegelung macht das Objekt zu einem Ereignis der Gegenwart.

 

Die späteren Arbeiten aus Reflection on the Presence of Time (Decay) verschieben diese Logik von der Reflexion zur Spur. In patinierter Bronze ausgeführt, tragen die Formen dunkle Oberflächen, durchzogen von blaugrünen Partien und unregelmäßigen Strukturen, die an Oxidation und materielle Veränderung denken lassen. Wo die polierte Skulptur die Gegenwart empfängt und unmittelbar wieder freigibt, scheint der patinierte Körper eine Spur von Dauer zu bewahren. Zeit wird nicht länger vor allem reflektiert; sie schreibt sich ein.

 

Decay bezeichnet in diesem Sinne nicht einfach Zerstörung. Es ist sichtbar gewordene Transformation. Patina trägt bereits die Vorstellung von Dauer in sich; Miesenberger fixiert jedoch die Erscheinung von Veränderung in Bronze, einem der beständigsten Materialien der Bildhauerei. Der Widerspruch ist präzise: Der Verfall wird angehalten und auf Dauer gestellt.

 

Gemeinsam betrachtet entwerfen Reflection on the Presence of Time und Decay zwei komplementäre Modelle von Zeitlichkeit. Das eine ist unmittelbar und instabil: Die Gegenwart erscheint auf der spiegelnden Oberfläche, um im nächsten Augenblick wieder zu verschwinden. Das andere ist kumulativ: Zeit wird zu Rückstand, Veränderung, Spur.

 

Gerade diese Unterscheidung macht die Verbindung zu Sverige/Schweden sichtbar. In der fotografischen Serie ist Geschichte im Bild latent; in Decay erscheint Zeit im Material eingeschrieben. Keines der beiden Werke versucht, die Vergangenheit als stabile Erzählung zu rekonstruieren. Beide fragen vielmehr danach, wie etwas, das sich dem unmittelbaren Zugriff entzogen hat, in der Gegenwart weiterwirken kann.

 

Material ist in Miesenbergers Werk deshalb niemals bloß Träger eines Bildes oder einer Form. Fotografische Emulsion, geschwärzte Silhouetten, poliertes Metall und patinierte Bronze begründen jeweils ein anderes Verhältnis von Sichtbarkeit und Dauer. Ihre Materialien stellen Erinnerung nicht einfach dar; sie vollziehen deren Prozesse. Sie verbergen und reflektieren, bewahren und verzerren, lagern ab und verwandeln.

 

Das persönliche Archiv wird in diesem Sinne zur Schwelle, nicht zum Endpunkt. Miesenberger beginnt mit ihrer eigenen Kindheit, mit den Fotografien ihres Vaters und mit Objekten, die an Intimität gebunden sind. Doch diese Quellen öffnen sich auf umfassendere Fragen historischer Übertragung: Was erbt eine Generation von einer anderen? Wie können Erfahrungen, die dem eigenen Leben vorausgehen, in diesem Leben fortwirken? Was bewahrt ein Bild jenseits dessen, was es sichtbar zeigt? Und was geschieht, wenn ausgerechnet das Material, das eine Erinnerung bewahren soll, selbst zum Zeugnis von Veränderung wird?

 

Miesenberger gibt auf diese Fragen keine abschließende Antwort. Fotografie und Skulptur werden vielmehr zu komplementären Mitteln, sie offenzuhalten. Die Fotografie macht Abwesenheit sichtbar; die Skulptur gibt der Abwesenheit einen Körper; die Spiegelung registriert die Instabilität der Gegenwart; die Patina verleiht der Dauer eine Oberfläche.

 

Dazwischen liegt jene Spannung, die Miesenbergers Werk in besonderer Weise bestimmt: das Fortbestehen von etwas, das uns nicht mehr vollständig zugänglich ist – die Vergangenheit nicht als fernes Territorium, das sich zurückgewinnen ließe, sondern als latente Präsenz, die in der Gegenwart weiterwirkt.

Ausstellungen
News
Bibliography
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